Enge Forststraßen, weite Hochebenen und Wildpferde auf der Fahrbahn
Auf der Hochebene standen Wildpferde auf der Straße und dachten nicht daran, Platz zu machen. Gefährlich sind sie nicht, aber vor Pferden habe ich Respekt. Kühe sind für mich als Bauernbub aus dem Allgäu kein Thema, die hätte ich zur Not selbst zur Seite bugsiert; bei Pferden halte ich lieber Abstand und warte, bis sie von allein weiterziehen. Ein passender Einstand für den Durmitor-Ring, denn zum Anhalten gibt es auf dieser Strecke ohnehin ständig einen Grund.

Auf Google Maps sieht der Durmitor-Ring erst einmal aus wie eine beliebige Straße durch die Berge. Vor Ort merkt man schnell, warum Montenegro ihn zu seinen offiziellen Panoramarouten zählt, den „Panoramic Roads“. Der Ring ist dort die Nummer 2. Rund achtzig Kilometer führt er vom Bergstädtchen Žabljak einmal ums Durmitor-Massiv und wieder zurück. Wer nur fährt, ist in drei bis vier Stunden herum; mit all den Fotostopps wird locker ein ganzer Tag daraus. Ich bin früh raus, mit einem Burek und einem Trinkjoghurt vom Bäcker in Žabljak auf dem Beifahrersitz, und war lange vor dem großen Verkehr unterwegs.
Der Weg: Schilder oder App
Weil es eine offizielle Panoramaroute ist, stehen entlang der Strecke immer wieder braune „Panoramic Roads“-Schilder, an denen man sich theoretisch entlanghangeln kann. Ich hatte zusätzlich die Izi-Travel-App laufen. Darin steckt eine kostenlose Tour des Rings mit über fünfzig Punkten: Kommt man per GPS in die Nähe, startet von selbst ein kurzer Audiokommentar, der einem erzählt, was man da gerade sieht. Der Offline-Modus hat bei mir zwischendurch gehakt und mal kein Audio abgespielt, fürs reine Navigieren aber war die App Gold wert. Für Autos wird empfohlen, in Žabljak Richtung Norden loszufahren, für Camper genau andersherum – so lassen sich die engen, steilen Passagen jeweils entspannter fahren.
Früher Abstecher: der Ćurevac
Ziemlich früh auf der Runde, noch bevor es zum Pass hinaufgeht, zweigt ein kurzer Abstecher zum Aussichtspunkt Ćurevac ab. Von dort blickt man von oben in die Tara-Schlucht, einen der tiefsten Canyons Europas. Vom Parkplatz sind es nur rund einen Kilometer zu Fuß und etwa achtzig Höhenmeter; mit Hin- und Rückweg und ein bisschen Schauen sollte man gut eine Stunde einplanen. Die berühmte Đurđevića-Tara-Brücke über die Schlucht liegt dagegen östlich von Žabljak, das ist eine eigene Geschichte.
Erst der Wald, dann der hohe Pass
Zu Beginn geht es zügig bergauf, über enge Forststraßen bis zum höchsten Punkt der Runde. Hier oben liegt der Štuoc-Pass, mit knapp 1.950 Metern der höchste Punkt der ganzen Strecke, benannt nach den Gipfeln Mali und Veliki Štuoc.
Kleine Randnotiz für Kartenfans: Oft heißt es, der Sedlo-Pass sei mit 1.907 Metern der höchste Pass Montenegros. Die Ringstraße selbst steigt am Štuoc noch ein Stück höher, je nachdem, was man als „Pass“ zählt, stimmt also beides.


Dieser nördliche Teil verlangt Konzentration. Die Straßen sind schmal, der Wald nimmt einem die Sicht, und hinter der nächsten Kurve kann jederzeit ein Auto auftauchen. Auf den engsten Stücken heißt das manchmal: zurücksetzen, bis eine Stelle kommt, an der zwei Autos aneinander vorbeipassen. An den heikelsten Passagen liegen kleine Steinblöcke am Rand, die einen davor bewahren, aus Versehen über die Kante zu rutschen. Ein bisschen mulmig war mir dabei schon. Aber ich war früh dran und hatte kaum Gegenverkehr, und die wenigen Autos, die mir begegneten, trugen fast durchweg einheimische Kennzeichen. Die Locals, so mein Eindruck, waren um diese Zeit unter sich.
Panoramastraße hin oder her: Der nördliche Teil bleibt eine Forststraße, mit allem, was dazugehört. Schlaglöcher sind das eine, Steinschlag das andere. Vom höchsten Punkt hinunter lag an mehreren Stellen Geröll auf der Fahrbahn. In Deutschland hätte man an solchen Hängen längst Fangnetze gespannt, hier stellt man ein Warnschild auf und gut ist. Bei oder nach Regen kommt da vermutlich noch mehr herunter. Mehr als Warnschilder scheint es an vielen Stellen jedenfalls nicht zu geben.

Irgendwo an der Strecke steht eines der Kassenhäuschen, denn der Durmitor ist Nationalpark. An der Straße kassiert man einfach den Tagespreis, im Durmitor fünf Euro pro Person. Einen Tipp hat mir an der Kasse allerdings niemand von sich aus verraten: Es gibt auch eine Jahreskarte für alle fünf Nationalparks Montenegros, für rund 13,50 Euro. Wer länger im Land unterwegs ist und mehrere Parks sehen will, spart damit schnell. Fragen muss man aber selbst danach.
Hinter dem Wald
Nach dem Pass wird der Wald lichter und bleibt schließlich zurück. Die Landschaft öffnet sich zu einer weiten, baumlosen Hochebene: grüne Wiesen und Felder, dazwischen graue Felsrücken und spitze Gipfel, hinter denen noch höhere stehen. Damit hatte ich ehrlich gesagt überhaupt nicht gerechnet. Vor der Reise hatte ich Montenegro vor allem mit Küste, Kotor und dem Meer verbunden. Stattdessen saß ich mitten in einer Berglandschaft, die mich eher an die Alpen erinnerte, an ein karges Südtirol, nur stiller und rauer.

Hinter dem Wald fährt es sich auch entspannter. Die Straßen bleiben eng und kurvig, aber es geht selten steil neben der Fahrbahn hinab, und ohne Bäume sehe ich den Gegenverkehr früh genug. So bleibt Zeit für die Gegend: Felswände mit letzten Schneeresten, Wildblumen bis an den Asphalt, ab und zu ein kleiner Bergsee. Und immer wieder Kühe oder Pferde auf der Fahrbahn, die sich Zeit lassen.

Kurz bevor der Wald endete, tauchten in meinem Rückspiegel drei große Jeeps auf, deutlich schneller unterwegs als ich. Ich machte Platz, und sie zogen mit Schlauchbooten auf dem Dach an mir vorbei, offensichtlich eine Rafting-Truppe. Wohin genau, weiß ich nicht. In der Tara-Schlucht ist Rafting ohnehin ein großes Thema, genauso wie die Ziplines, die an mehreren Stellen über den Canyon gespannt sind. Kurz habe ich versucht, mich dranzuhängen, denn wer auf so engen Straßen vorausfährt, räumt einem den Gegenverkehr aus dem Weg. Aber die waren mir zu schnell für diese Landschaft, also ließ ich sie ziehen und nahm mir wieder Zeit.

Kein Geheimtipp
So still, wie es am frühen Morgen war, bleibt es allerdings nicht. Je länger der Tag wurde und je näher ich dem südlichen Teil kam, desto mehr kam mir entgegen: Autos, vor allem Camper. An dem einen oder anderen Aussichtspunkt waren die wenigen Parkplätze schon voll. Ob wirklich alle die ganze Runde drehen oder nur ein Stück hineinfahren und wieder umkehren, kann ich nicht sagen. Für mich war die Sache klar: Wer die Strecke möglichst für sich haben will, muss früh raus. Der nördliche Teil am Morgen gehörte fast mir allein, mittags sah das schon ganz anders aus.
Was bleibt
Am frühen Nachmittag war ich wieder in Žabljak. Was hängen bleibt, ist weniger ein einzelnes Postkartenmotiv als ein Gefühl: langsam über die Hochebene zu rollen, das Fenster offen, ab und zu ein Pferd auf der Straße und ringsum nichts als Berge.
Für viele ist Montenegro vor allem Küste. Für mich wird es immer zuerst diese Hochebene sein, mit offenen Fenstern, Wildpferden auf der Straße und dem Gefühl, dass hinter der nächsten Kurve wieder etwas Unerwartetes wartet.


Praktische Infos auf einen Blick
- Ausgangspunkt: Žabljak, das zentrale Bergstädtchen im Durmitor. Die Runde beginnt und endet hier.
- Route: offiziell ausgewiesene Panoramastraße Montenegros („Panoramic Road“ Nr. 2), teils über braune Schilder ausgeschildert.
- Länge & Dauer: rund 80 km, reine Fahrzeit 3–4 Stunden, mit Fotostopps eher 6–7 Stunden. Einen ganzen Tag einplanen.
- Richtung: für Autos wird der Start Richtung Norden empfohlen, für Camper die Gegenrichtung.
- Höchster Punkt: der Štuoc-Pass auf knapp 1.950 m im nördlichen Teil der Runde.
- Straße: im nördlichen Waldteil eng, kurvig und teils steil abfallend – vorsichtig fahren, Rückwärtsfahren können hilft. Auf der Hochebene entspannter.
- Nationalpark-Gebühr: im Durmitor 5 € pro Person und Tag, zahlbar an den Kassenhäuschen entlang der Route. Für mehrere Tage oder Parks lohnt die Jahreskarte für alle fünf Nationalparks Montenegros (rund 13,50 €, online auf nparkovi.me). Sie wird an der Kasse nicht aktiv angeboten – also nachfragen.
- Abstecher: Aussichtspunkt Ćurevac mit Blick in die Tara-Schlucht – ab Parkplatz rund 1 km zu Fuß (~80 Höhenmeter), gut eine Stunde einplanen.
- Navigation: braune Panoramic-Roads-Schilder plus die kostenlose Izi-Travel-Tour (GPS-Audio an 50+ Punkten). Offline-Modus lief bei mir nicht immer zuverlässig.
- Beste Zeit: möglichst früh starten. Vormittags ist es deutlich ruhiger, später kommen mehr Autos und Camper.
- Tiere: Kühe und Wildpferde stehen häufig auf der Straße. Tempo raus, kurz warten.

