Šargan-Acht und Drvengrad in Mokra Gora

Schwarze historische Dampflokomotive der Šargan-Acht in Mokra Gora

Warum die alte Schmalspurbahn mehr hält als das hübsche Kulissendorf daneben

Es kracht, wackelt, zischt und pfeift. Kaum ist die Šargan-Acht angefahren, bin ich gefühlt wieder acht Jahre alt und sitze vor der Modellbahn im Keller. Genau so stellt man sich als Kind eine Eisenbahn vor, und genau so fährt sich diese Schmalspurbahn im Westen Serbiens.

In Mokra Gora, kurz vor der bosnischen Grenze, hatte ich unterhalb des Bahnhofs geparkt, war an ein paar Infotafeln vorbei die Stufen hochgegangen, hatte im Restaurant neben dem Bahnhof noch etwas getrunken – und um 16:10 Uhr ging es los.

Überdachter Weg mit Infotafeln hinauf zum Bahnhof der Šargan-Acht in Mokra Gora
Blick aus dem hölzernen Waggon der Šargan-Acht auf Gleis und Wald

Eine Bahn, die sich selbst überholt

Der Name klingt kurios, ergibt aber Sinn, sobald man die Strecke von oben sieht. Um den Höhenunterschied zwischen Mokra Gora und der Station Šargan Vitaši zu überwinden, schraubt sich die Trasse in einer engen Schleife den Hang hinauf – eine Schleife, die aussieht wie eine liegende Acht. Die Bahn kreuzt dabei praktisch ihren eigenen Weg.

Dahinter steckt ein ordentliches Stück Geschichte. Die Schmalspurstrecke war einmal Teil der alten Verbindung von Belgrad Richtung Sarajevo und Adria, gebaut in den 1920er-Jahren, 1974 stillgelegt. Erst Jahrzehnte später wurde das Teilstück hier oben als Museumsbahn wieder aufgebaut. Auf den knapp fünfzehn Kilometern zwischen Mokra Gora und Šargan Vitaši reihen sich über zwanzig Tunnel und ein paar Brücken aneinander, dazwischen immer wieder der Blick auf enge Felsen, dichten Wald und die Hügel Westserbiens.

Der Zug der Šargan-Acht vor einem Tunnelportal in Westserbien

Gezogen hat uns an diesem Nachmittag eine alte Diesellok, und der Zug war gut gefüllt, ohne unangenehm voll zu sein. Auffällig viele Familien mit Kindern, und nach der Sprache zu urteilen vor allem Leute aus der Region, dazwischen ein paar internationale Touristen. Vielleicht sind die früheren Runden am Tag noch voller, ich saß in der Spätnachmittagsfahrt.

Die Fenster kann man öffnen, und das lohnt sich. Sie sind in der Mitte geteilt, der untere Teil lässt sich herunterklappen und an einem Ledergurt einhängen, sodass einem der Fahrtwind ins Gesicht weht. Dazu das Wackeln auf den schmalen Gleisen, das Zischen und Rattern der Lok, laut genug, dass man am Anfang kurz denkt, das Ganze sei etwas klapprig. Ist es nicht, es fährt sich völlig entspannt, aber das leicht ruckelige Gefühl gehört einfach dazu. In den Tunneln wird es zwischendurch stockfinster, ob die Wagenbeleuchtung ausgefallen war oder das so gewollt ist, habe ich bis heute nicht rausgefunden.

In Šargan Vitaši gibt es einen kurzen Fotostopp, die Lok wird ans andere Ende umgehängt, dann geht es denselben Weg zurück, mit zwei weiteren Stopps zum Aussteigen. Viel passiert unterwegs nicht, und genau das ist der Reiz: aus dem Fenster schauen, den Wind spüren, die Landschaft vorbeiziehen lassen. Die knapp zwei Stunden vergingen für mich wie im Flug.

Es ist keine spektakuläre Achterbahn, sondern eine gemütliche, leicht nostalgische Sache, und gerade für Familien mit Kindern oder alle mit einer Schwäche für alte Züge ein kleines Highlight. Ganz billig ist die Fahrt allerdings nicht. Ich habe 1.500 Dinar bezahlt, umgerechnet gut zwölf Euro, wobei auf dem Ticket 1.200 gedruckt standen, durchgestrichen und handschriftlich auf 1.500 korrigiert. Ob das eine generelle Erhöhung war, ein Sommer- oder Sonntagspreis oder ein Aufschlag für Ausländer, konnte ich nicht herausfinden. Für das Erlebnis ist es in Ordnung, aber wer jeden Cent umdrehen muss, kann es sich sparen. Die Bahn fährt etwa von April bis Oktober mehrmals täglich, im Sommer auch am späten Nachmittag; die aktuellen Zeiten prüfst du am besten vorher kurz online.

Grün-gelbe Diesellok der Šargan-Acht auf den Schmalspurgleisen

Drvengrad: schön, aber nur auf den ersten Blick echt

Ein paar Kilometer weiter, quasi im Anschluss, liegt Drvengrad, auf Deutsch das Holzdorf, auch Küstendorf genannt. Wenn man schon in der Gegend ist, kann man das gut mitnehmen, der Eintritt ist symbolisch, ein paar Hundert Dinar.

Das Spannendste an Drvengrad ist seine Entstehung. Es ist kein historisch gewachsenes Dorf, sondern eine Kulisse. Der Regisseur Emir Kusturica hat es Anfang der 2000er für seinen Film „Das Leben ist ein Wunder“ auf dem Hügel Mećavnik bauen lassen und danach als eine Art Künstlerdorf behalten. Bis heute findet hier jeden Januar ein Filmfestival statt.

Kleine Holzkapelle in Drvengrad im warmen Abendlicht

Alles ist aus Holz, die Häuser, die Kirche, die Gassen, und auf den ersten Blick bekommt man tatsächlich einen Eindruck davon, wie Dörfer in den serbischen Bergen früher ausgesehen haben könnten. Nur ist eben nichts davon über Generationen gewachsen. Hinter den urigen Fassaden stecken Restaurants, Cafés und Hotels, eine Übernachtung kostet locker um die hundert Euro.

Ich war am frühen Abend dort, und vielleicht lag es daran: Die Gassen waren fast leer, aus einem Restaurant lief leise Musik, sonst war es erstaunlich still. Gerade diese Ruhe hatte etwas Eigenartiges. Das Dorf wirkte weniger wie ein Ort, in dem Menschen leben, als wie ein Filmset nach Drehschluss, wenn die Crew längst weg ist und nur die Kulissen stehen bleiben.

📷 BILD: eine Gasse zwischen den Holzhäusern (Drvengrad_Gasse.jpg) oder der Dorfplatz im Abendlicht (Drvengrad_Dorfplatz_Abend.jpg)

Dorfplatz von Drvengrad mit Holzhäusern in der Abendsonne

Umgehauen hat mich Drvengrad nicht. Es ist hübsch und den kurzen Abstecher wert, aber es bleibt ein durchgeplanter, rein touristischer Ort. Die große Ursprünglichkeit, die man hier sucht, liegt eher draußen, in der Landschaft ringsum.

Was bleibt

Am Ende lebt beides von Nostalgie, nur auf unterschiedliche Weise. Die Šargan-Acht fährt tatsächlich über eine historische Strecke, sie hat ihre Vergangenheit. Drvengrad dagegen erschafft Vergangenheit neu, aus Holz und Absicht. Vielleicht hat mich genau deshalb die Bahnfahrt mehr abgeholt als das Dorf.

Beides zusammen ist ein guter halber Tag, gerade wenn man ohnehin durch Westserbien Richtung bosnische Grenze unterwegs ist. Man sollte nur wissen, worauf man sich einlässt: auf eine liebevolle alte Eisenbahn und auf eine Filmkulisse, die genau das ist, eine Kulisse.

Blick über die Holzdächer von Drvengrad auf die Berge Westserbiens

Praktische Infos auf einen Blick

  • Lage & Anfahrt: Mokra Gora im Westen Serbiens, nahe der bosnischen Grenze am Rand der Region Zlatibor. Sinnvoll nur mit dem Auto oder Mietwagen; direkt am Bahnhof kostenlos parken.
  • Šargan-Acht: Museums-Schmalspurbahn zwischen Mokra Gora und Šargan Vitaši, rund 15,5 km mit über zwanzig Tunneln; die Fahrt dauert mit Foto- und Wendestopps knapp zwei Stunden.
  • Saison & Abfahrten: etwa April bis Oktober, mehrmals täglich (im Sommer u. a. um 16:10 Uhr). Aktuelle Zeiten vorher kurz prüfen.
  • Preis Bahn: ich habe 1.500 Dinar (gut 12 €) bezahlt; online werden teils niedrigere Preise genannt – Stand vor der Fahrt prüfen.
  • Drvengrad (Küstendorf): Emir Kusturicas hölzernes Kulissendorf auf dem Hügel Mećavnik, wenige Kilometer von der Bahn entfernt. Eintritt symbolisch (~300 Dinar), dazu Restaurants, Cafés und ein Hotel; Küstendorf-Filmfestival im Januar.
  • Zeitbedarf: Bahn und Dorf zusammen sind ein guter halber Tag.
  • Gut kombinierbar: mit der Weiterfahrt Richtung Višegrad und Bosnien oder einem Abstecher auf den Zlatibor.