Kotor: wunderschön, aber am Limit

Blick von oben auf die tiefblaue Bucht von Kotor mit steil aufragenden Bergen.

Atemberaubende Altstadt an der Bucht, dazu 40 Grad, Kreuzfahrtmassen und ein bisschen Abzocke: mein ehrlicher Tag in Kotor

Ich kam am frühen Morgen von Žabljak, ein Stück Autofahrt durch die Berge, und dann öffnete sich hinter einer Kurve die Bucht. Ich habe an einem Parkplatz oberhalb angehalten und Fotos gemacht, wie vermutlich jeder, der hier vorbeikommt. Tiefblaues Wasser, steile Berge, die direkt aus dem Meer aufsteigen, kleine Orte am Ufer. Das ist wirklich außergewöhnlich schön, da muss man nichts schönreden. Oft wird die Bucht übrigens als südlichster Fjord Europas verkauft. Geologisch stimmt das nicht, sie ist ein ertrunkenes Flusstal und kein von Gletschern geformter Fjord. Sie sieht nur aus wie einer, weil die Berge so steil ins Wasser abfallen.

Die Bucht von Kotor mit dunkelblauem Wasser und steilen Bergen, von einem Aussichtspunkt.

Und trotzdem ist Kotor für mich ein zwiespältiger Ort geblieben. Nicht weil es nicht schön wäre, sondern weil so viel Schönheit hier auf so wenig Platz trifft, an einem heißen Sommertag, mit einem Kreuzfahrtschiff vor der Tür. Kotor ist grandios und läuft gleichzeitig sichtbar am Limit. Genau darum geht es in diesem Artikel.

Schon auf dem Weg: überall will jemand dein Geld

Auf der Fahrt an der Bucht entlang, Richtung Kotor, kommt man durch die kleinen Orte, unter anderem durch Perast, das mit seinen alten Kapitänshäusern selbst zu den schönsten Flecken der Bucht gehört. Und dort fällt schnell etwas auf: An jeder Ecke steht „Free Parking“, meist mit dem Zusatz, dass es kostenlos sei, wenn man dies oder jenes bucht. Daneben sitzen Männer auf Gartenstühlen und warten auf Kundschaft.

Das roch für mich sofort nach Masche. In Perast ist das öffentliche Parken eigentlich gratis, die offiziell wirkenden Schilder und die Kassierer daneben sind es nicht. Dazu werden Bootstouren zur berühmten Insel Our Lady of the Rocks verkauft, gern für rund 10 Euro pro Person, während dieselbe Fahrt von der Promenade aus etwa die Hälfte kostet. Nichts, was einem den Tag ruiniert, aber ein früher Vorgeschmack darauf, dass hier in der Hochsaison ziemlich viele Leute vor allem eines von dir wollen.

Ankunft in Kotor: Verkehr, Roller und ein Streifschuss

Je näher Kotor, desto dichter der Verkehr. Vor der Altstadt staut es sich an den Ampeln, und zwischen den Autos drängeln sich unentwegt Rollerfahrer durch. Die kleinen Pylone auf der Mittellinie waren da plötzlich ziemlich verständlich.

Kurz vor meinem Airbnb machte es dann einen lauten Schlag, und ein Roller zog vorbei. Ich dachte erst, er hätte mir den Außenspiegel abgeräumt. Der war noch dran, aber am Auto war etwas. Der Rollerfahrer fuhr einfach weiter, und im Verkehrschaos konnte ich sowieso nicht anhalten. Am Airbnb sah ich dann, dass er mit dem Lenker über den Spiegel geschrammt war, ein schwarzer Plastikabrieb oberhalb, nichts, was man nicht rauspolieren könnte. Trotzdem war ich erstmal bedient und einfach froh, angekommen zu sein, mit einem privaten Parkplatz vor der Tür.

Der Gastgeber war dann das genaue Gegenteil von allem, was vorher schieflief: superfreundlich, bot mir erstmal einen Kaffee an und erklärte in Ruhe, was ich mir anschauen sollte, wo man gut isst und so weiter. Guter Moment, um durchzuatmen.

Die Altstadt: wunderschön, und ein Steinofen

Vom Airbnb sind es zehn bis fünfzehn Minuten zu Fuß in die Altstadt. Auf dem Weg kam ich an einem Kreuzfahrtschiff vorbei, das direkt vor den Mauern lag, und damit war klar, was mich drinnen erwartet.

Und ja: Die Altstadt von Kotor ist wunderschön. Enge Gassen aus hellem Stein, kleine Plätze, die romanische Kathedrale des Heiligen Tryphon mit ihren zwei Türmen, und überall Katzen. Die sind hier fast schon zum inoffiziellen Wahrzeichen geworden. Sie kamen einst mit den Seeleuten in die Hafenstadt und sollten die Ratten kurzhalten. Heute gibt es sogar ein kleines Katzenmuseum. Kotor stand über 350 Jahre unter Venedig, und das sieht man: Über dem Haupttor prangt bis heute der Markuslöwe. Dass die ganze Region seit 1979 zum UNESCO-Welterbe gehört, wundert hier niemanden.

Enge, sonnendurchflutete Altstadtgasse in Kotor mit Klimageräten an den Steinwänden.

Zwei Dinge machten es an diesem Tag trotzdem anstrengend. Erstens die Masse. Hinter Guides mit Schildern quetschten sich Reisegruppen durch die engen Gassen, und die Kreuzfahrttouristen sind dabei ehrlich gesagt die unangenehmste Sorte, weil sie alle gleichzeitig kommen und gehen. Zweitens die Hitze. Das Thermometer kratzte an den 40 Grad, und die von Stein umschlossene Altstadt wird damit zum Pizzaofen. Irgendwann war mir das schlicht zu viel, und ich bin in das klimatisierte Einkaufszentrum nördlich der Altstadt geflüchtet, um runterzukühlen und etwas zu trinken. Wenig glamourös, aber der ehrlichste Programmpunkt des Nachmittags.

Die romanische Kathedrale des Heiligen Tryphon in Kotor mit ihren zwei Türmen.
Eine Katze döst auf den warmen Steintreppen in der Altstadt von Kotor.

Die Strände: schöne Bucht, mäßiger Badespaß

Am späteren Nachmittag bin ich noch ein Stück an den Stränden nördlich der Altstadt entlanggelaufen, Richtung Dobrota. Kies macht mir am Wasser nichts aus, im Gegenteil, das hat für mich etwas Ursprüngliches. Diese Strände haben mich trotzdem nicht abgeholt: schmal, dicht an dicht belegt, das Wasser flach, und für einen Liegeplatz ruft man Preise auf, die mehr als happig sind. Die Bucht selbst ist traumhaft, zum Baden kommt man in Montenegro aber anderswo entspannter unter.

Schmaler Strand an der Bucht von Kotor mit einem Kreuzfahrtschiff im Hintergrund.

Der Abend: wenn das Schiff ablegt, atmet die Stadt

Und dann kippt der Tag doch noch, aber anders, als man denkt. Zum Abend hin wurde die Altstadt spürbar angenehmer. Nicht leer, aber die Kreuzfahrer wurden weniger, vermutlich weil an Bord das All-inclusive-Abendessen rief. Ich habe mir was Leckeres gegönnt, direkt an der orthodoxen Kirche, dazu ein kühles Nikšićko, und dann einfach die Abendstimmung in den Gassen genossen, die jetzt in warmem Licht lagen.

Die beleuchtete orthodoxe Kirche in der Altstadt von Kotor am Abend.

Irgendwann ertönte das Horn des Kreuzfahrtschiffs. Das ist, ganz unromantisch, eines der schönsten Geräusche des Tages, denn es heißt: Die Masse zieht ab. Ich habe dem Schiff noch beim Auslaufen aus der Bucht zugesehen, in der einbrechenden Nacht, und das war fast der ruhigste Moment des ganzen Tages. Danach zurück zum Airbnb, ich wollte nicht zu spät ins Bett, weil ich am nächsten Morgen früh die Serpentinen über Kotor fahren wollte, aber das ist eine andere Geschichte. Am Ende habe ich dann doch noch die erste Halbzeit vom WM-Aus der deutschen Mannschaft gegen Paraguay geschaut und bin bei laufender Klimaanlage eingeschlafen.

Ein beleuchtetes Kreuzfahrtschiff verlässt bei Nacht die Bucht von Kotor.
Bucht von Kotor zur blauen Stunde mit Booten auf ruhigem Wasser.

Lohnt sich Kotor?

Ja, unbedingt, aber mit offenen Augen. Kotor gehört zum Schönsten, was ich an der Adria gesehen habe, das muss sich hinter einem großen Namen wie Venedig nicht verstecken. Nur bekommt Kotor gerade dieselben Probleme wie Venedig, ohne dessen Erfahrung und Infrastruktur, um die Massen zu verteilen. Ein kleiner, mittelalterlicher Kern, ein Kreuzfahrthafen direkt davor und Hochsommerhitze, das ist in der Spitze einfach zu viel für den Ort.

Was ich daraus mitnehme, ist vor allem eine Frage des Timings. Mein bester Tipp wäre, Kotor nicht dann zu besuchen, wenn alle anderen kommen. Tagsüber würde ich die Bucht erkunden, nach Perast fahren, baden oder eine Bootsfahrt machen, und Kotor selbst erst am späten Nachmittag nehmen. Wenn die Kreuzfahrer wieder an Bord sind und die Hitze langsam aus den Gassen weicht, zeigt die Stadt plötzlich eine ganz andere Seite. Übernachten lohnt sich dafür allemal, dann hast du auch den frühen Morgen für dich. Wer dagegen mit der Erwartung eines stillen Geheimtipps an einem 40-Grad-Tag mit Kreuzfahrtschiff kommt, wird eher enttäuscht.

Ein stiller, sonniger kleiner Platz in der Altstadt von Kotor mit Kopfsteinpflaster, Palme, altem Brunnen und honigfarbenen Steinhäusern.

Praktische Infos auf einen Blick

  • Anreise: Kotor liegt am Ende der Bucht, die Küstenstraße führt an Orten wie Perast vorbei. Von Norden (Žabljak/Durmitor) eine schöne Bergfahrt.
  • Parken: In der Altstadt ist Parken knapp und teuer. Ein Airbnb oder Hotel mit eigenem Stellplatz ist Gold wert. In Perast das „Free Parking“ mit Kassierer daneben ignorieren, offiziell ist das Parken dort gratis.
  • Perast-Masche: Bootstickets zur Insel Our Lady of the Rocks kosten von der Promenade aus rund die Hälfte dessen, was die Typen am Parkplatz verlangen.
  • Beste Zeit: früher Morgen und Abend, dann sind die Kreuzfahrtmassen weg. Mittags meiden, vor allem im Hochsommer bei großer Hitze.
  • Tages-Dramaturgie: tagsüber die Bucht erkunden (Perast, Baden, Bootsfahrt), Kotor selbst erst am späten Nachmittag und Abend geben. So umgehst du Hitze und Kreuzfahrtandrang zugleich.
  • Altstadt: romanische Kathedrale des Heiligen Tryphon, venezianischer Markuslöwe am Haupttor, jede Menge Katzen. Die ganze Region ist UNESCO-Welterbe.
  • Baden: die Strände Richtung Dobrota (nördlich der Altstadt) sind schmal, im Sommer voll und das Wasser ist flach, Liegen teuer. Kies ist normal (Badeschuhe praktisch); zum Baden gibt es in Montenegro entspanntere Ecken.
  • Hitze: die steinerne Altstadt heizt sich stark auf. Wasser dabeihaben, das klimatisierte Einkaufszentrum im Norden ist die ehrliche Notfall-Abkühlung.
  • Kombinieren: Die Serpentinen über Kotor hinauf zum Lovćen und das Njegoš-Mausoleum sind ein eigener, großartiger Ausflug (dazu folgt ein eigener Artikel).