Sarajevo: erst genervt, dann gewonnen

Der Schriftzug „I ♥ Sarajevo" an der Mauer der Weißen Festung, dahinter die bosnische Fahne und die Berge über der Stadt.

Zwischen Habsburg und Orient, Seilbahn und Sniper Alley – wie mich Sarajevo erst nervte und dann gewann.

Ich hatte Sarajevo schon abgeschrieben, bevor der erste Tag um war. Genervt von der Anfahrt, genervt vom Gedränge in der Altstadt. Keine vierundzwanzig Stunden später lief ich abends durch dieselben Gassen und war mit der Stadt versöhnt. Angekommen bin ich am Montagmittag, am frühen Mittwoch bin ich wieder los. Dazwischen ging es ständig rauf und runter, und zwar im Wortsinn: hoch zur Weißen Festung, hoch auf den Trebević, wieder runter in die Stadt, am nächsten Morgen mit der Gondel wieder hinauf. Und genau parallel dazu die Stimmung. So muss ich Sarajevo erzählen.

Ankunft im Talkessel

Die Fahrt von Višegrad her war schöner als gedacht: erst der Drina entlang, dem smaragdgrünen Fluss, den Ivo Andrić mit seinem Roman über die Brücke von Višegrad weltberühmt gemacht hat, dann durch enge Schluchten und Wälder hinauf aufs Hochplateau der Romanija. Ich habe unterwegs ein Handyfoto in den Status gestellt, und ein paar Freunde haben ehrlich überrascht zurückgeschrieben, dass Bosnien so aussieht. Kurz vor der Stadt hielt ich an der Weißen Festung oberhalb des Talkessels. Der erste Reinfall. Kurioserweise hat man drumherum investiert, neuer Parkplatz, neues Kassenhäuschen, aber die Festung selbst ist völlig runtergekommen: alte Kühlschränke stehen herum, altes Brot, Müll, dazwischen der Ausblick, ganz nett, mehr aber auch nicht. Vier Euro Eintritt für Ausländer, Einheimische einen. Für das, was da oben zu sehen war, keine vier Euro wert. Das mit den zwei Preisen sollte mir in Sarajevo noch öfter begegnen.

Die verfallene Weiße Festung Bijela Tabija oberhalb von Sarajevo mit wehender bosnischer Fahne.
Blick von der Weißen Festung über das im Talkessel liegende Sarajevo.

Von dort ging es mit dem Auto weiter hinauf, zu einem Parkplatz am Prvi Šumar unterhalb des Trebević. Von da sind es angeblich eine knappe Viertelstunde zu Fuß zur alten Bobbahn. Ich habe es gelassen. Ein Gewitter kündigte sich an, das dann doch nicht richtig kam, und in den Google-Rezensionen des Parkplatzes stand, dass dort gerne mal Autos aufgebrochen werden. Wahrscheinlich nicht am frühen Nachmittag, aber mir war es zu heikel. Also ins Hotel neben dem Parkplatz, das Wetter abwarten. Alkohol wird hier oben keiner ausgeschenkt, eine von vielen kleinen Erinnerungen daran, dass Sarajevo muslimisch geprägt ist.

Dann die Höllenfahrt hinunter Richtung Altstadt. Das Navi hat mir Straßen erfunden, die es nicht gab, und mich in Gassen gelotst, die so eng, abschüssig und zugeparkt waren, dass ich da mit meinem Miet-Passat schlicht nicht runter wollte. Dazu ein paar Baustellen. Das letzte Stück in der Innenstadt vor dem Parkhaus war dann halbwegs ok, ein paar Einbahnstraßen, aber für Balkanverkehr nichts Außergewöhnliches. Zum Schluss ging es steil bergauf, denn Apartment und Parkhaus lagen oben am Hang, unweit der vatikanischen Vertretung, das Parken kostenlos noch dazu. Dass es da hinauf ging, ist kein Zufall: Das Zentrum liegt unten am Fluss, wer aus der Mitte hinausgeht, klettert fast überall die Hänge hinauf. Sarajevo klebt so eng in seinem Tal, dass die Stadt an den Rändern nach oben ausweichen muss.

Habsburg, ein unscheinbarer Steinbogen und zu viele Menschen

Zu Fuß gefiel es mir sofort besser. Vom Apartment ging es hinunter, durch die habsburgisch geprägten Straßen, gelbe Fassaden, Stuck über den Fenstern, ganze Straßenzüge, die genauso in Wien oder Graz stehen könnten. Unten am Fluss dann die Lateinerbrücke, und mit ihr der nächste Dämpfer. Hier wurde 1914 Franz Ferdinand erschossen, der Schuss, der den Ersten Weltkrieg auslöste. Und die Brücke selbst? Holt einen null ab. Ein unscheinbarer Steinbogen über die Miljacka, wie es in der Stadt ein halbes Dutzend gibt. Ohne die Tafel an der Ecke würde niemand stehenbleiben. Daneben gibt es ein Museum, davor stand als Werbung ein altes Auto, wie jenes, in dem der Thronfolger damals saß. Das Replika-Auto sah schon von außen nach Touristenfalle aus, und nach dem unscheinbaren Steinbogen war mir die Lust auf ein verstaubtes Museum vergangen. Also weiter.

Die unscheinbare Lateinerbrücke über die Miljacka, Schauplatz des Attentats von 1914.

Auf der anderen Flussseite trank ich am Musikpavillon einen Kaffee, dann weiter zum bunten Rathaus, der Vijećnica: gelb-braun gestreift, orientalische Bögen. Vorbei an der noch leeren Fläche fürs Public Viewing unter ihrem Zeltdach, und hinein in die Baščaršija, den alten Basar.

Das gelb-braun gestreifte Rathaus Vijećnica am Fluss Miljacka, davor eine Reihe roter Blumen.

Und je später der Nachmittag, desto voller wurde es. Am Abend war die Stimmung endgültig unten. Der Basar war voll, richtig voll. Ich stand mitten drin und dachte an einen Samstagabend in München am Stachus. Gedränge, jeder will dasselbe Foto. Ich habe mir ein ruhigeres Eck zum Abendessen gesucht, Ćevapi mit Brot und Kajmak, und bin dann langsam zurück zum Apartment hoch. Mit dem Gefühl, dass diese Stadt und ich vielleicht nicht warm werden.

Bosnische Fahnen spannen sich über eine Gasse der Baščaršija, dahinter Minarett und Moscheekuppel.

Der Morgen, der alles gedreht hat

Am nächsten Morgen war ich früh unten in der Baščaršija. Nicht menschenleer, aber ruhig. Ein paar Leute waren da, überwiegend Einheimische, die ersten Cafés machten auf, die ersten Läden bereiteten sich auf die Massen vor. Man kannte sich, hier und da ein Schwätzchen, alles entspannter, langsamer, echter. Und in dieser Ruhe hat mich die Stadt dann doch gecacht. Denn jetzt sah ich, was am Vorabend im Gedränge komplett untergegangen war: wie präzise hier der Übergang von Habsburg zu Orient verläuft. Nicht als sanftes Ineinanderfließen, sondern von einem Häuserblock auf den nächsten. Auf der einen Seite noch der gelbe Habsburger Verputz, eine Gasse weiter niedrige Holzläden, Kupferschmiede, eine Moschee. Ein sauberer Schnitt, wie mit dem Messer gezogen, mitten durch die Stadt.

Eine stille Gasse in der Baščaršija mit orientalischen Sitzkissen vor den Cafés.

Ich setzte mich direkt an den zentralen Platz der Altstadt, dorthin, wo der Sebilj steht, dieses kleine hölzerne Brunnen-Türmchen, das zu den bekanntesten Motiven Sarajevos gehört. Morgens gehört der Platz den Tauben, kaum Touristen. Dazu ein bosnischer Kaffee, stilecht. Der kam im vollen Kupferset an den Tisch, auf einem kleinen Teller die Kanne, das Tässchen, ein Würfelzucker und ein Stück Rahat Lokum, diese seifenartig weiche türkische Süßigkeit, dazu. Optisch hat mich das komplett abgeholt. Danach in einer Bäckerei eine Sirnica, eine mit Käse gefüllte Teigrolle, dazu den obligatorischen Joghurt. In Bosnien heißt nämlich nur die Variante mit Fleisch Burek, alles andere läuft unter Pita, mit Käse eben Sirnica. Wer hier einen Burek mit Käse bestellt, outet sich sofort als Tourist. So sieht ein Frühstück hier aus, und so ruhig bekommt man die Baščaršija nur früh.

Eine stille Gasse in der Baščaršija mit orientalischen Sitzkissen vor den Cafés.
Bosnischer Kaffee im Kupferset mit Kanne, Tässchen und einem Stück Rahat Lokum auf einem kleinen Tablett.

Rauf auf den Berg

Zu Fuß ging es weiter zur Seilbahn, gerade rechtzeitig zur Öffnung um neun. Zwanzig KM kostete die einfache Fahrt, dreißig hin und zurück, Einheimische zahlen weniger. Da war es wieder, das Zwei-Preise-System. Ehrlich gesagt finde ich das gar nicht verkehrt. Wer sich das ganze Jahr mit den Touristenmassen herumschlägt, hat einen kleinen Vorteil vor der eigenen Haustür verdient. Es war noch wenig los, ich hatte eine Gondel ganz für mich. Der Blick von oben über den Talkessel ist schön: Man sieht, wie eng die Stadt zwischen den Hängen klemmt.

Blick aus der Trebević-Seilbahn über den engen Talkessel von Sarajevo.

Oben liegt die Bobbahn der Olympischen Winterspiele 1984. Eine Betonrinne, die sich durch den Wald windet, überzogen mit Streetart und Graffiti, halb von der Natur zurückgeholt. Lost-Place-Vibes, auch wenn oben durchaus einiges los ist. Und man darf hier auf eigene Gefahr die Bahn hinunterlaufen, es gibt sogar einen QR-Code für einen Audioguide. Das fand ich stark. Bei uns würde man so ein verfallendes Bauwerk absperren und mit Warnschildern zupflastern, hier macht man einen Spazierweg daraus und erzählt die Geschichte gleich mit. Und die hat es in sich. 1984 stand Sarajevo hier für zwei Wochen im Zentrum des Wintersports. Acht Jahre später wurde dieselbe Bahn zur Artilleriestellung der bosnisch-serbischen Truppen. Von diesen Hängen aus wurde auf die Stadt geschossen, fast vier Jahre lang. Man läuft dieselbe Rinne hinunter, in der erst Bobs und dann Geschütze standen. Diese Bahn hat in vierzig Jahren mehrere grundverschiedene Sarajevos erlebt: die Olympiastadt, die belagerte Stadt und das lebendige Sarajevo von heute.

Die Olympischen Ringe von 1984 auf dem Trebević oberhalb von Sarajevo.
Die verlassene Olympia-Bobbahn von 1984 am Trebević, überzogen mit Streetart und Graffiti.
Ein Fotorahmen mit der Aufschrift „Trebević Sarajevo", dahinter eine Seilbahngondel.

Flucht an die Quelle, vorbei an den Einschusslöchern

Zurück in der Altstadt war es wieder voll, und ich wollte raus. Weg vom Zentrum, an den gut zwölf Kilometer entfernten westlichen Stadtrand nach Ilidža, zur Quelle der Bosna, jenes Flusses, der dem ganzen Land seinen Namen gegeben hat. Kein Katzensprung also, sondern einmal quer durch die ganze Stadt. An der Haltestelle Baščaršija wollte ich die Tramlinie 3 nehmen, die laut Plan direkt bis Ilidža fährt. Es hat gedauert, bis ich kapiert habe, dass die Drei an dem Tag gar nicht fuhr, warum auch immer. Also die Fünf und dazwischen ein Umstieg in einen überfüllten Bus, bei fünfunddreißig Grad.

Die Achse hinaus nach Ilidža ist der Boulevard Zmaja od Bosne, den man während der Belagerung Sniper Alley nannte. In den Fassaden der großen Plattenbauten entlang der Straße sind bis heute die Einschusslöcher zu sehen, über dreißig Jahre danach. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie die Menschen hier gelebt haben, mit dem Wissen, dass jede Bewegung auf dieser großen, offenen Straße einen ins Visier eines Scharfschützen bringen konnte. Und dann sind da die ganz frischen, widerlichen Enthüllungen: In Italien wird ermittelt, ob Wohlhabende aus dem Westen dafür bezahlt haben, von den serbischen Stellungen aus auf Zivilisten zu schießen. Als eine Art Wochenend-Ausflug, mit einer Preisliste, die für Kinder angeblich mehr verlangte. Das ist zutiefst erschütternd, und ich finde, es gehört in diesen Text, auch wenn ich damit den Pfad des netten Reiseblogs kurz verlasse.

Am Ende der Fahrt dann Ilidža, und von dort zu Fuß die guten drei Kilometer zur Quelle, erst über die Mala, dann über die Velika Aleja. Hier sah es plötzlich wieder sehr habsburgisch aus, ich lief an den Hotels Austria und Bosnia vorbei, an alten Kastanien und Platanen. Die Quelle selbst ist schön, es war nicht viel los, und landschaftlich mit den Bergen im Hintergrund richtig lohnend. Im Café gab es eine gefüllte Birne mit Nüssen und Sahne, im Grunde die Birnen-Variante der bosnischen Tufahija, die man sonst mit Apfel kennt. Den Rückweg über die Allee habe ich mit dem Fiaker gemacht, einer der pferdegezogenen Kutschen am Parkeingang. Zwanzig, fünfundzwanzig KM hat es gekostet, nicht günstig, aber ganz nett.

Die von alten Kastanien gesäumte Velika Aleja auf dem Weg zur Quelle der Bosna.
Die Quelle der Bosna im Park Vrelo Bosne bei Ilidža, dahinter bewaldete Berge.
Eine kleine Holzbrücke über einen Bach im Quellpark Vrelo Bosne.

Versöhnt

Am letzten Abend war ich noch einmal in der Altstadt, ein Bier in der Nähe des Rathauses, dann Ćevape mit Brot und Zwiebeln, ein Spaziergang durch die Gassen. Dieselben Gassen, die mich am ersten Abend im Gedränge vertrieben hatten. Jetzt, mit dem stillen Morgen, dem Berg und der Quelle im Rücken, liefen sie sich ganz anders. Ich war nicht mehr genervt, ich war einverstanden. Am nächsten Morgen bin ich früh raus aus dem Talkessel, vor dem Berufsverkehr, mit gefundenem Frieden. Sarajevo hat mich nicht sofort abgeholt. Es hat einen frühen Morgen und einen zweiten Blick gebraucht. Danach war ich nicht nur versöhnt, ich hatte Gefallen an der Stadt gefunden.

Die Miljacka mit gespiegeltem Minarett und den Häusern der Altstadt von Sarajevo.

Praktische Infos auf einen Blick

  • Anreise: Sarajevo liegt im engen Talkessel. Mit dem Auto bloß nicht in die Gassen der Altstadt navigieren lassen, das Navi erfindet dort Wege. Auto im Parkhaus abstellen, alles zu Fuß erkunden.
  • Baščaršija: Früh am Morgen hingehen. Dann ist der Basar ruhig, überwiegend Einheimische, und der blockweise Wechsel von Habsburg zu Orient wird wirklich sichtbar. Abends ist es voll wie am Stachus.
  • Bosnischer Kaffee: Stilecht im Kupferset bestellen, das gehört dazu.
  • Trebević-Seilbahn: Vom Altstadtrand auf den Hausberg, Öffnung ab 9 Uhr. Einfache Fahrt rund 20 KM, hin und zurück rund 30 KM (Touristentarif, Einheimische günstiger). Zahlung in KM oder per Karte. Früh dran sein lohnt sich, dann hat man die Gondel fast für sich.
  • Bobbahn 1984: Oben am Trebević, frei zugänglich, auf eigene Gefahr begehbar. QR-Audioguide vor Ort, Lost-Place-Atmosphäre mit Streetart. Während der Belagerung war sie Artilleriestellung, das gehört zur Geschichte dazu.
  • Vrelo Bosne (Ilidža): Quelle der Bosna am westlichen Stadtrand. Über die Mala und Velika Aleja rund 3 km zu Fuß (schöne alte Allee) oder mit dem Fiaker zurück (rund 20–25 KM, verhandelbar). Ruhiger, landschaftlich schöner Gegenpol zur Altstadt.
  • Sniper Alley: Der Weg nach Ilidža führt über den Boulevard Zmaja od Bosne, im Krieg als Sniper Alley berüchtigt. In vielen Plattenbauten sind bis heute Einschusslöcher zu sehen. Ein stiller, eindrücklicher Teil der Fahrt.
  • Weiße Festung (Bijela Tabija): Aussichtspunkt oberhalb der Stadt, Eintritt rund 4 € für Ausländer. Aus meiner Sicht verzichtbar.
  • Gut zu wissen: Sarajevo ist muslimisch geprägt, in manchen Ecken wird kein Alkohol ausgeschenkt. An mehreren Orten gelten gestaffelte Preise für Einheimische und Touristen.
  • Essen: Ćevapi mit Somun-Brot, Kajmak und Zwiebeln. Überall, günstig, gut.