Ein Land, drei Fahnen: Was mir eine Fußball-WM über Bosnien verriet

Bosnische Staatsflagge und weiße Lilien-Fahne über einer Gasse in Mostars Altstadt

Eine Reise durch ein Land, das an seinen Fahnen zeigt, wie tief es geteilt ist – erzählt aus dem Autofenster, nicht vom Lehrstuhl

Ich saß an diesem Abend in Mostar, keine hundert Meter von der alten Brücke entfernt, im Restaurant meines Hotels. Bosnien spielte das entscheidende dritte Gruppenspiel der Fußball-WM 2026 gegen Katar. Den ganzen Tag spürte man, dass die Leute heiß waren. Am Abend liefen die Bedienungen alle in Nationaltrikots herum, und nicht nur sie: überall Trikots, überall diese kribbelige Vorfreude, die man förmlich greifen konnte.

Bosnien gewann an diesem Abend 3:1 gegen Katar und stand damit im Sechzehntelfinale. Und die Stadt explodierte. Auf den Straßen wurde gesungen, „USA“ sowieso, aber auch Lieder, die ich weder kannte noch verstand. Autokorsos hupten durch die Gassen, überall ausgelassene Freude.

Dabei war all das nur die eine Hälfte der Geschichte. Denn je weiter ich in diesen Tagen während der Fußball-WM durch Bosnien gefahren bin, desto klarer wurde mir etwas, das in keinem Reiseführer so richtig steht: An den Fahnen über den Straßen konnte ich ablesen, in welchem Bosnien ich gerade war. Nicht geografisch. Sondern in welchem der drei.

Bosnische Flaggen spannen sich über eine Gasse der Sarajevoer Baščaršija, im Hintergrund ein Minarett

Das Lied, das über allem lag

Über allem lag ein Song: „USA“ von Dubioza Kolektiv. Die Band kenne ich schon länger, das Lied auch. Ich bin kein Riesenfan, aber ein paar ihrer Songs mag ich. Ursprünglich ist „USA“ bissige Satire: über den Traum vom Auswandern nach Amerika und die Ernüchterung, die dort oft folgt. „I’m from Bosnia, take me to America“, halb Sehnsucht, halb Selbstironie über ein Land, das so viele seiner jungen Leute verliert.

Dass daraus die inoffizielle WM-Hymne geworden war, wurde mir schon vor der Reise klar. Als Bosnien sich in der Qualifikation ausgerechnet gegen Italien durchsetzte, sah ich abends in den Nachrichten die Feiern in Sarajevo, und über allem lief dieses Lied. Vor Ort war es dann allgegenwärtig, sogar als Pappaufsteller an der Talstation der Trebević-Seilbahn in Sarjevo: „I am from Bosnia, take me to America.“ Ein Augenzwinkern, das man erst versteht, wenn man den Song kennt, und das trotzdem eine leise, wahre Note hat.

Pappaufsteller mit der Aufschrift „I am from Bosnia, take me to America" in Sarajevo

Ein Land, drei Stimmungen

Was mich wirklich nachdenklich gemacht hat, war die Landkarte, die sich aus diesen Fahnen ergab.

In der Republika Srpska, dem serbisch geprägten Landesteil, durch den ich am Anfang und am Ende fuhr, liefen die WM-Spiele zwar hier und da in Cafés und Restaurants, aber emotional aufgeladen war da nichts. Keine Trikots auf der Straße, keine Fahnen, kein Fieber. Es lief so nebenher. Serbien hatte sich nicht für die WM-Endrunde in den USA qualifizieren können.

Im bosniakisch geprägten Teil, in Sarajevo und Mostars Altstadt, war es das komplette Gegenteil, wie an jenem Katar-Abend. Überall die blau-gelbe Staatsflagge, dazu, mindestens ebenso häufig, eine weiße Fahne mit goldenen Lilien. Trikots an jeder Ecke, Werbung mit der Nationalmannschaft an jeder zweiten Hauswand. Schon zwei Tage zuvor hatte ich in Sarajevo, gegenüber der bunten Vijećnica, dem alten Rathaus, die Public-Viewing-Fläche mit „I am from Bosnia“-Bannern gesehen. An dem Tag lag sie noch leer da, weil kein Bosnien-Spiel anstand, aber sichtlich bereit für den großen Moment.

Leere Public-Viewing-Fläche mit „I am from Bosnia"-Bannern in Sarajevo

Und je weiter ich nach Süden und in die kroatisch geprägten Landstriche der Herzegowina kam, desto mehr verschwanden die bosnischen Fahnen und machten dem rot-weißen Schachbrettmuster Kroatiens Platz. In manchen Dörfern hingen beide nebeneinander, in manchen nur das eine. Es ist ein eigenartiges Gefühl, in einem Land unterwegs zu sein und überall die Flaggen eines anderen Landes zu sehen.

Weiße Lilien-Fahnen und bosnische Staatsflaggen über einer Altstadtgasse in Mostar

Warum drei? Ein Land, gebaut aus einem Kompromiss

Ich bin kein Historiker und will keinen Vortrag halten. Aber ein bisschen Hintergrund erklärt, was ich da sah. Das heutige Bosnien und Herzegowina ist im Kern das Ergebnis des Dayton-Abkommens von 1995: Es stoppte den Krieg und baute die Teilung gleich in den Staat ein.

Seither besteht das Land aus zwei Entitäten (der bosniakisch-kroatischen Föderation und der serbischen Republika Srpska, dazu dem kleinen Brčko-Distrikt) und kennt drei konstitutive Völker: Bosniaken, Kroaten und Serben. An der Spitze steht bis heute kein einzelner Präsident, sondern ein Dreier-Präsidium, je einer pro Volk. Im Alltag wird diese Konstruktion vor allem an den Fahnen sichtbar.

Irgendwann genügte ein Blick nach oben. Die Fahnen erzählten oft mehr über die Identität eines Ortes als jedes Ortsschild.

Was die Fahnen erzählen

Zwei davon sind besonders vielsagend. Die blau-gelbe Staatsflagge ist erstaunlich jung: 1998 eingeführt, und zwar nicht vom Land selbst, sondern vom internationalen Hohen Repräsentanten, weil man sich intern auf kein Symbol einigen konnte. Bewusst neutral, ohne Bezug zu einer Volksgruppe. Die weiße Lilien-Fahne dagegen hat Geschichte: 1992 bis 1998 die offizielle Flagge der jungen Republik, die goldenen Lilien verweisen aufs mittelalterliche Königreich Bosnien, auf eine Zeit vor allen Spaltungen. Ursprünglich als nicht-ethnisches Symbol gedacht, wird sie heute vor allem von Bosniaken getragen. In diesen beiden Fahnen nebeneinander spiegeln sich zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was Bosnien sein soll.

Mostar: eine Brücke, die beides erzählt

Wie sehr diese Teilung nicht nur an Fahnen hängt, sondern auch in Stein steht, sieht man an Mostar selbst. Die Stadt ist bis heute grob geteilt: eine bosniakisch geprägte Ostseite rund um die osmanische Altstadt, eine kroatisch geprägte Westseite, dazwischen die Neretva. Und mittendrin die Stari Most, die berühmte Bogenbrücke, die genau diese beiden Ufer verbindet. Sie wurde 1993 im Krieg zwischen Kroaten und Bosniaken zerstört und später unter UNESCO-Aufsicht mit denselben Steinen wieder aufgebaut, 2004 neu eröffnet. Genau diese Doppelbödigkeit ist so bosnisch: Die Brüche gehen tief, und trotzdem wird versucht, sie zu kitten.

Die wiederaufgebaute Stari Most in Mostar im Morgenlicht, dahinter Altstadt und Berge

Was mir geblieben ist

Ich schreibe das alles nicht, um zu urteilen. Es steht mir als Deutschem, der zwei Wochen durchgereist ist, nicht zu, ein Land zu bewerten, dessen Geschichte so viel schwerer wiegt als meine Urlaubseindrücke. Was ich erzählen kann, ist nur, was ich gesehen habe: dass eine Fußball-WM für ein paar Wochen wie ein Vergrößerungsglas wirkte. Sie hat sichtbar gemacht, was sonst unter der Oberfläche liegt – an welchen Fahnen ein Ort hängt, mit welcher Mannschaft er mitfiebert, welche Geschichte er sich erzählt.

Und trotzdem, oder gerade deshalb, mochte ich die Begeisterung. Als Deutscher tut man sich mit Nationalstolz ja bekanntlich schwer. Auf mich wirkte die Feier einfach ansteckend: Es wurde gesungen, gehupt, gejubelt – laut, aber in meiner Wahrnehmung friedlich und ausgelassen. Vielleicht ist das die versöhnliche Note in einer komplizierten Geschichte: Ein Land, das sich in vielem nicht einig ist, findet in solchen Momenten wenigstens streckenweise zusammen. Und sei es nur für die Dauer eines Liedes über Amerika.

Fast zu passend: Ein paar Tage später, ich war längst in Montenegro unterwegs, schied Bosnien im Sechzehntelfinale ausgerechnet gegen die USA aus. „Take me to America“ – manchmal schreibt der Fußball die bessere Ironie als jeder Songtexter.