Ein bizarres Naturwunder am Ende Südserbiens – zwischen Teufelslegende und nackter Geologie
Manche Orte muss man sich verdienen. Đavolja Varoš – die „Teufelsstadt“ – ist so einer. Sie liegt tief im Süden Serbiens, am Hang des Radan-Gebirges, weit weg von allem, was man als Reiseziel auf dem Schirm hat. Und genau das macht den Reiz aus: Am Ende eines langen Wegs warten 202 bizarre Steintürme, eine knallsaure Quelle und eine Legende, in der der Teufel höchstpersönlich die Finger im Spiel hatte.
Ehrlich gesagt war Đavolja Varoš so ziemlich das Erste, was ich überhaupt von Südserbien gesehen habe. Und vielleicht ist genau deshalb dieser Ort bis heute der Maßstab, an dem ich viele andere Naturziele der Region messe. Rückblickend steht er sinnbildlich für das, was Südserbien für mich ausmacht: unerwartet schön – und noch erstaunlich unberührt.

Die Anfahrt ans Ende der Welt
Ohne Auto kommt man hier nicht hin – realistisch fährt man selbst oder lässt sich fahren. Ich war mit Einheimischen unterwegs, was die Sache deutlich entspannter machte. Schilder weisen den Weg, aber auf den letzten Kilometern wird es einsam, und man fragt sich kurz, ob hier wirklich noch etwas kommt.
Dabei ist es eine wunderschöne Strecke, mitten durch Berge und Wälder. Nur: vorsichtig fahren. Immer wieder kreuzt etwas die Fahrbahn – Holztransporter und Traktoren, dazu Motorkultivatoren (einachsige Motor-Traktoren mit angehängtem Karren, auf dem der Fahrer sitzt), wie man sie auf dem Land im ganzen Balkan sieht, oft schwer mit Brennholz beladen. Und immer wieder Kühe, die seelenruhig die Straße für sich beanspruchen. Spätestens hier versteht man, wie sehr diese Region von Wald und Landwirtschaft lebt.


Ankunft und Aufstieg
Unten am Eingang gibt es ein kleines Informationszentrum und ein Restaurant – mehr nicht. Der Eintritt ist mit rund 350 Dinar (etwa 2,80 €) fast symbolisch. (Geöffnet ist meist von 9 bis 17 Uhr, von November bis März bleibt das Gelände geschlossen.)
Der Weg nach oben führt zunächst gemütlich durch den Wald, erst flach, dann etwas steiler, immer über Schotter. Festes Schuhwerk ist sinnvoll, aber anstrengend ist es nicht – ich war in gut 20 bis 25 Minuten oben an der Aussichtsplattform.
Unterwegs kommt man an etwas Eigenartigem vorbei: dunklen Tümpeln mit rostrot verkrustetem Boden. Das sind die berühmten sauren Quellen der Teufelsstadt – allen voran die Đavolja voda, das „Teufelswasser“, mit einem extrem niedrigen pH-Wert von rund 1,5 und enorm hohem Mineralgehalt. Anders als man im Spa-Land Südserbien vermuten könnte, sind diese Quellen kalt, nicht thermal. (Die echten Thermalbäder liegen gleich nebenan, in Prolom Banja, Lukovska Banja und Kuršumlijska Banja – aber das ist ein anderes Kapitel.) Dieses aggressive Wasser hat über Jahrtausende den Boden zersetzt und so überhaupt erst geschaffen, was oben auf einen wartet.


Oben: die Türme und der Blick
Dann lichtet sich der Wald, und der erste Blick auf die Formationen ist schlicht ungewöhnlich. Die Türme sind zwischen 2 und 15 Meter hoch, jede einzelne oben von einer dunklen Steinkappe gekrönt. Genau diese Andesit-Kappen sind das Geheimnis: Sie schützen den weichen Vulkanboden darunter vor der Erosion, während alles ringsum weggespült wird. So wachsen über die Zeit diese schlanken Türme heraus – ein Prozess, der bis heute weitergeht.
Von oben sieht man nicht nur die Türme, sondern auch, wie einsam diese Gegend eigentlich ist. Wald, Hügel, kaum Bebauung – und mittendrin diese bizarre Landschaft, die dort eigentlich nicht hingehört. Für mich war das der Moment, in dem Südserbien von einem weißen Fleck auf der Landkarte zu einer Region wurde, in die ich unbedingt zurückkehren wollte. Dass Đavolja Varoš es sogar auf die Vorschlagsliste der „neuen sieben Weltwunder der Natur“ geschafft hat, kann ich gut nachvollziehen – es ist wirklich außergewöhnlich.


Wo der Teufel eine Hochzeit versteinert haben soll
So bizarr der Ort, so reich die Legenden – und das ist für mich der eigentliche Tiefgang. Die bekannteste Geschichte: Die Türme seien eine versteinerte Hochzeitsgesellschaft. Der Teufel habe eine Hochzeit, die gegen jede Ordnung verstieß, kurzerhand zu Stein erstarren lassen. Andere Erzählungen handeln von Teufeln, die von schlauen Burschen überlistet werden.
Man muss kein Wort davon glauben. Aber wenn man dort steht, zwischen stummen Steintürmen und einem Wasser, das so sauer ist, dass nichts darin lebt, versteht man, warum frühere Generationen hier den Teufel am Werk sahen. Wo die Wissenschaft Erosion und Andesit erklärt, hatten die Menschen eben eine Geschichte. Beides nebeneinander – das macht den Ort aus.
Ein kleiner Tipp, wenn du diese Stimmung auskosten willst: Komm am späten Nachmittag. Wenn das Licht flacher wird und der Wind durch die Türme streicht, macht die Teufelsstadt ihrem Namen alle Ehre.
Passenderweise steht auf dem Weg eine kleine hölzerne Kapelle. Glaube und Teufelssage, direkt nebeneinander.

Noch (fast) unberührt
Was mich am meisten überrascht hat: wie wenig touristisch das Ganze noch ist. Ich war an einem Wochentagnachmittag im Hochsommer dort und hatte den Weg fast für mich allein; nur oben auf der Plattform waren ein paar Leute. Alles sehr entspannt, sehr harmlos.
An vielen anderen Orten der Welt stünden hier längst fünf Hotels, ein Souvenir-Imperium, Shuttlebusse und eine Seilbahn nach oben. Hier? Ein kleines Infozentrum, ein Restaurant, ein Schotterweg. Es ist fast überraschend, dass ein so beeindruckendes Naturmonument so unberührt geblieben ist – und ehrlich gesagt hoffe ich, dass das noch eine Weile so bleibt.
Mein Fazit ist deshalb einfach: Wenn du in der Gegend bist, schau es dir unbedingt an. Đavolja Varoš ist kein Ort, für den man quer durch Europa fährt – aber wer ohnehin den echten, ungeschminkten Westbalkan erkundet, findet hier eines seiner stillen Highlights.

Praktische Infos auf einen Blick
- Anreise: nur mit dem Auto sinnvoll. Von Niš rund 1,5 Stunden, von Kuršumlija etwa 30 km. Öffentlich kommt man höchstens bis Kuršumlija (Bus) und von dort per Taxi; alternativ eine Wanderung von Prolom Banja (~9 km, gut 2,5 Std.).
- Eintritt: rund 350 Dinar (~2,80 €), Stand vor dem Besuch kurz prüfen.
- Öffnung: meist 9–17 Uhr; von November bis März geschlossen.
- Aufstieg: ~20–25 Min. über Schotter bis zur Aussichtsplattform; ein größerer Rundweg dauert rund eine Stunde. Festes Schuhwerk empfohlen.
- Saure Quellen: Đavolja voda (pH ~1,5) und Crveno vrelo – kalt, extrem sauer, nicht trinken.
- Thermalbäder in der Nähe: Prolom Banja, Lukovska Banja, Kuršumlijska Banja – ideal zum Kombinieren.
- Bester Zeitpunkt: unter der Woche, dann hast du das Naturwunder fast für dich.

