Priština ist nichts für jeden

Bronzestatue von Bill Clinton am Bill-Clinton-Boulevard in Priština

Europas jüngste Hauptstadt hat kaum Sehenswürdigkeiten – und wurde trotzdem einer meiner besten Trips

Sagen wir es, wie es ist: Wer nach Priština fährt, um Sehenswürdigkeiten abzuhaken, ist erstaunlich schnell durch – und merkt rasch, dass die Stadt ihre Stärken woanders hat. Kosovos Hauptstadt gewinnt vielleicht keinen Schönheitswettbewerb. Es gibt keine pittoreske Altstadt, kaum ein Postkartenmotiv, dafür viel Beton.

Wir waren zu dritt da, ein langes Wochenende, direkt von Memmingen eingeflogen. Und ich gebe offen zu: Wir hatten genau die Klischees im Gepäck, die ein Deutscher so über „den Osten“ mit sich rumschleppt – runtergerockte Plattenbauten, Autos ohne TÜV, ein bisschen Chaos, ein bisschen Wildwest. Das Spannende ist: Priština hat ein paar dieser Klischees tatsächlich bedient. Und uns trotzdem – oder gerade deshalb – komplett gekriegt. Es wurde einer der besten und mit Abstand lustigsten Männertrips, von dem wir uns bis heute erzählen.

Dies ist also kein Sehenswürdigkeiten-Guide. Es ist der Versuch zu erklären, warum eine Stadt, in der es eigentlich wenig zu sehen gibt, so viel zu erleben hat.

Das beleuchtete NEWBORN-Monument bei Nacht in Priština

Das Touristische – ehrlich und zügig abgehakt

Fangen wir mit dem Pflichtprogramm an, denn das geht schnell.

Das Bill-Clinton-Mahnmal ist das skurrile Highlight der Stadt. Da steht eine über drei Meter hohe, golden lackierte Statue eines US-Präsidenten, die Hand zum Gruß erhoben – und im Rücken die unspektakulärste Plattenbauwand, die man sich vorstellen kann. Skurriler geht’s kaum. Aber die Geschichte dahinter macht es nachvollziehbar: Im Kosovokrieg 1998/99 griff die NATO unter Clinton ein, um die Gewaltspirale zu beenden. Die USA gelten hier für die albanisch-stämmige Bevölkerung bis heute als Befreier. Die Statue wurde 2009 enthüllt, Clinton kam persönlich; in der Hand hält die Figur eine Mappe mit dem Datum des NATO-Einsatzes. Gleich daneben gibt es eine Boutique namens „Hillary“. Man muss das nicht verstehen – aber wenn man die Geschichte kennt, sieht man kein kitschiges Denkmal mehr, sondern ein ehrliches Dankeschön.

Bill-Clinton-Statue vor einem Hochhaus mit Porträt-Banner und US-Flaggen in Priština

Das passt zu einer Beobachtung, die mir in Priština schnell auffiel: Man sieht hier mehr US- und Albanien-Flaggen als kosovarische. Fährt man dagegen ins nahe Gračanica – einen serbischen Ort rund um ein orthodoxes Kloster aus dem 14. Jahrhundert (heute UNESCO-Welterbe) –, hängen an jeder Laterne serbische Fahnen. An den Flaggen liest man die ungelöste Identitätsfrage eines jungen Landes ab, ganz ohne Worte.

Die Nationalbibliothek ist das zweite Wahrzeichen – und ein Fall für sich. Von weitem sieht der Bau wirklich beeindruckend aus: 99 Kuppeln, komplett überzogen von einem Metallnetz, das aussieht wie ein übergeworfenes Fischernetz. Von nahem ist die Faszination schon kleiner, und drinnen merkt man dem Ganzen die Jahre an. Der kroatische Architekt wollte byzantinische und islamische Formen verbinden; die einen feiern es als brutalistisches Meisterwerk, die anderen wählen es regelmäßig auf Listen der hässlichsten Gebäude der Welt. Beides hat irgendwie seine Berechtigung.

Den Rest hat man fix gesehen: die vergleichsweise neue katholische Mutter-Teresa-Kathedrale (Mutter Teresa war albanischer Herkunft – auch das ein Identitäts-Statement), und das NEWBORN-Monument, ein begehbarer Schriftzug, der am Tag der Unabhängigkeitserklärung 2008 enthüllt wurde und seither jedes Jahr neu bemalt wird. Nett, schnell fotografiert, weiter.

Und damit ist man, ehrlich gesagt, mit dem klassischen Touriprogramm durch. Die eigentliche Frage ist also: Warum war das Ganze dann so gut?

Das echte Priština: liebenswertes Chaos

Weil die Stadt etwas hat, das man nicht fotografieren kann. Priština ist die Hauptstadt von Europas jüngstem Staat – Kosovo gibt es offiziell erst seit 2008, und es wird bis heute nicht von allen anerkannt: Über hundert Staaten haben die Unabhängigkeit anerkannt, andere – darunter Serbien, Russland und China – nicht. Dazu kommt eine der jüngsten Bevölkerungen des Kontinents. Das spürt man: Es liegt eine Energie in der Luft, ein Aufbruch, gemischt mit einer Lässigkeit, die mir gefallen hat.

Und ja, es erfüllt ein paar dieser Klischees, die wir im Koffer hatten – aber auf eine Art, die ich fast liebenswert fand. Ein alter Mann, der mit Engelsgeduld versucht, seinen Golf 1 zum Laufen zu bringen. Baustellen neben Plattenbauten neben funkelnden Cafés. Unser Apartment lag im 14. Stock eines Hauses, das unten noch halbe Baustelle war – aber oben mit einem Balkon, von dem aus man über die ganze Stadt sah. Da haben wir Stunden verbracht, Kaltgetränke genossen und einfach über die Stadt geschaut. Das war kein Sightseeing. Das war besser.

Und das Nachtleben ist – ganz ohne Witz – richtig gut. Hier kann man die Nacht zum Tag machen. Was uns direkt zur ersten Geschichte bringt.

Die Nacht, in der wir aus Versehen auf einem Filmfestival landeten

Am ersten Abend wollten wir in eine Bar, die wir uns vorher rausgesucht hatten. Auf dem Weg dorthin, vor dem Kino Armata, liefen wir an einer Open-Air-Party vorbei: viele Leute, eine Band auf der Bühne, alles offen zugänglich – dachten wir. Also dort hin, an der Theke etwas geholt, bezahlt, gut.

Dann spricht mich ein Mann an und fragt, ob wir auch Schauspieler seien. In dem Moment klickte es: auch? Beim genaueren Hinsehen standen rund um die Party tatsächlich Securityleute, die andere Leute wegschickten – uns nicht. Wir hatten uns einfach völlig selbstverständlich reinbewegt. Über ein paar Aufsteller und einen kurzen Google-Check kam die Auflösung: Wir standen mitten auf der After-Party des Prishtina International Film Festivals, das es seit 2009 gibt und jeden September genau hier stattfindet.

Rausgeworfen hat uns niemand. Wir sind einfach geblieben, bis sich die Party langsam leerte – mittendrin, als gehörten wir dazu. Wahrscheinlich der absurdeste Zufall der ganzen Reise.

Was an diesem Abend sonst noch passiert ist, würde den Rahmen sprengen – und manche Geschichten funktionieren ohnehin nur, wenn man dabei war. Nichts Strafbares, so viel sei versprochen. Aber genug, dass wir uns beim Erzählen bis heute gegenseitig ins Wort fallen.

Tisch mit PriFest-Logo und Bier beim Filmfestival in Priština
Nächtliche Skyline von Priština von oben

Die Hunde von Priština

Ein Straßenhund steht abends auf einem Gehweg in Priština

An einem der ersten Abende fütterten wir – gutherzig wie wir waren – ein paar der Straßenhunde, die es in Priština reichlich gibt. Warum das wichtig ist? Geduld.

Am letzten Abend, auf dem Weg zum Restaurant, kamen wir an derselben Stelle vorbei. Dieselben Hunde – und die fanden uns jetzt offenbar großartig. Sie nahmen uns in ihre Mitte und eskortierten uns durch die Straßen; „Eskorte“ heißt: Sie bellten jeden an, der uns zu nahe kam. Anfangs lustig. Bis wir ins Revier eines anderen Rudels kamen – zwei Meuten, die sich ankläfften und sogar aufeinander losgingen, und wir drei mittendrin, obwohl wir das nie wollten. Lektion: Füttert keine Straßenhunde, wenn ihr nicht ihr Anführer werden wollt.

Zum Klischee, das ich nicht bediene

Ich weiß, wie das klingen kann – nach dem Deutschen, der sein Vorurteil über „den wilden Osten“ bestätigt sehen will. Deshalb ist mir das hier wichtig: Genau das ist nicht passiert. Die Menschen waren warm, das Festival hat uns einfach mitfeiern lassen, das Skurrilste an der Stadt war ein goldener Bill Clinton – und die einzige echte Aufregung der Reise waren drei Deutsche, die sich ein Straßenhunde-Rudel zum Freund machten. Die Klischees steckten in unserem Koffer, nicht in Priština.

Lohnt sich Priština?

Kommt drauf an, wer du bist. Wenn du Sehenswürdigkeiten, Instagram-kompatible Postkartenmotive und eine hübsche Altstadt suchst, ist Priština vermutlich nicht dein Ziel – dann gibt es im Westbalkan dankbarere Orte. Die Stadt ist nichts für jeden.

Wenn du aber eine echte, ungeschminkte Hauptstadt im Aufbruch erleben willst, ein grandioses Nachtleben, freundliche Leute und die Art von Reise, von der du noch in zehn Jahren erzählst – dann ist Priština ein kleines Juwel. Es ist keine Stadt, die man besichtigt. Es ist eine, die einem passiert.

Ich gebe zu, unser Blick auf diesen Trip ist nach den Jahren – und durch das eine oder andere Kaltgetränk – wahrscheinlich ein bisschen verklärt. Aber wenn mich heute jemand fragt, war Priština einer der spannendsten und lustigsten Trips, die ich je gemacht habe. Und das fast ganz ohne klassische Sehenswürdigkeit, die das erklären würde.


Praktische Infos auf einen Blick

  • Anreise: Direktflüge aus Süddeutschland (bei uns ab Memmingen) machen Priština zum erstaunlich einfachen Wochenendziel. Vom Flughafen mit dem Taxi in die Stadt.
  • Dauer: Die Stadt selbst hat man in einem halben Tag „gesehen“ – für die Atmosphäre und das Nachtleben lohnen sich zwei bis drei Tage.
  • Bezahlen: Im Kosovo gilt der Euro – kein Geldwechsel nötig.
  • Sehenswert (in Maßen): Bill-Clinton-Statue & -Boulevard, Nationalbibliothek, NEWBORN-Monument, Mutter-Teresa-Kathedrale.
  • Abstecher: Gračanica mit seinem serbisch-orthodoxen Kloster (UNESCO-Welterbe) – auch ein Blick auf die andere Seite der kosovarischen Realität.
  • Nachtleben: überraschend stark – einer der echten Pluspunkte der Stadt.
  • Straßenhunde: gibt es einige. So süß sie betteln: lieber nicht füttern (frag nicht, woher ich das weiß).
  • Sprache: Albanisch; Englisch hilft – aber dank der großen Diaspora in Deutschland und der Schweiz wird Deutsch oft mindestens genauso gut verstanden. Uns ist es mehr als einmal passiert, dass wir mit Englisch nicht weiterkamen, mit Deutsch dann schon.